Was ziehe ich an… Oder: der erste Versuch.

Selten muss man sich Gedanken machen, was man zur Zeugung anzieht, denn meistens findet dieser Akt ja vollkommen nackt statt. Ich wollte mich zumindest richtig schön anziehen, hatte mir das ein oder andere Outfit wohl überlegt, um dann vor lauter Aufregung irgendetwas anzuziehen. Den Mann konnte ich aber noch in feinen Zwirn schimpfen. 

Im Bus zur Praxis rollen die ersten Tränen. Meinerseits. Ich fahre gefühlt zum Schafott. Mein Mann ist irritiert, ich nicht. Wenn du zwanzig Jahre vor diesem Moment Panik hast, warum sollte sie denn dann genau in diesem Moment verschwinden? Im Gegenteil. Er sagt, dann lassen wir das. Ich sage, ich habe es Dir versprochen. Ich lasse den Moment verstreichen, aus der Sache auszusteigen. Ich kann es ihm nicht antun, und vielleicht auch mir nicht, nach all der Auseinandersetzung mit mir und dem Thema. 

Wir kommen in der Praxis an und müssen erst einmal warten. Das Auftauen und Befruchten ist schon vor ein paar Tagen passiert – zum technischen Aspekt mehr in einem anderen Post. (Ich sage es gleich: Es wird nicht für jeden sein. Es ist ein sehr technischer Prozess.) Meine Ärztin, Frau Dr. Marr, kommt freudig ins Wartezimmer und ruft mich auf. Ich stell mich tot und wir lachen alle. Ich eher aus Höflichkeit. Insgesamt sind aus meinen 30 eingefrorenen Eizellen 4 vollends befruchtete, schon in den Wachstumsprozess eingetretene Eizellen übrig geblieben. Wir sind beide etwas erstaunt, ob der niedrigen Zahl, aber die Ärztin sagt, das ist total normal. Ein paar Eier überleben das Auftauen nicht, ein paar lassen sich gar nicht befruchten und ein paar beginnen nie, sich zu teilen. Bleiben: vier Versuche. Mehr wollten wir auch nicht probieren. 

Zeugungsoutftit und geschwollenes Gesicht: Ein paar Tage zuvor hatte ich mir eine Salmonellenvergiftung geholt. Das Letzte, worauf ich Lust hatte, war mich zu fotografieren.

Wir scherzen. Ich wieder etwas mehr aus Höflichkeit – in schwierigen Situationen funktioniere ich immer. Dann geht es los: Mein Mann wird hinter einem Paravan platziert und darf die Zeugung per Ultraschall auf dem PC beobachten, während ich mich auf den Stuhl setze, ebenfalls auf den Bildschirm starrend. Eine Dame aus dem Labor bringt die Eizelle in einer Kanüle. Die Ärztin sagt, die kleine Maus will zu Ihnen. Ich bin irritiert über diesen Satz – das ist nicht meine Sprache. Ich muss sofort an Diddl-Mäuse denken… Und die habe ich schon immer gehasst.

Die Befruchtung selbst ist ein kurzer spitzer Piekser. Das Ei flutscht auf dem Bildschirm in meine Gebärmutter. Jetzt gibt es erst einmal keinen Weg zurück. Ich blende alles aus. Meine Ärztin ist selbst so erfreut, dass sie mich kurz in den Arm nimmt und mit High Five abschlägt. Alle (Anderen) im Zimmer glauben zu 100% an diese Aktion. 

Ich sehe wohl etwas blass aus, denn Frau Dr. Marr sagt, ich solle heute Abend noch einmal richtig einen Trinken… bevor die Blutschranke einsetzt (oder so). Ich sage, ich trinke nicht. Sie lacht, das könnte mein Grundproblem sein. 

Das, und Jahrhunderte alte Systeme, Strukturen und Erwartungen.

Der Tag klang beim Italiener in unserer Straße aus. Das Glas Wein trank der Mann.

(Über den nächsten Morgen berichte ich im nächsten Post!)

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